Deutscher Gewerkschaftsbund

25.09.2014

Geschichte des Gewerkschaftshauses Kiel (Teil 1)

"Im Zentrum der Stadt, an der Fährstraße - in absehbarer Zeit die Hauptverkehrsader; die nach Durchdämmung des Kleinen Kiel den Norden der Stadt mit der Altstadt verbindet - liegt das Kieler Gewerk-schaftshaus. Wer seine Schritte durch die Fährstraße lenkt, bleibt unwillkürlich beim Anblick des Gebäudes stehen und betrachtet wohlgefällig das stilgerechte und freundlich wirkende Bauwerk, das ein Schmuck der ganzen Straße ist", so beschrieb die Schleswig-Holsteinische VolksZeitung (VZ) am 28. Juli 1907 das neue Gewerkschaftshaus in Kiel. Zwei Tage zuvor war es von Carl Legien, dem Vorsitzenden der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands und Kieler Reichstagsabgeordneten der SPD, eingeweiht worden. Die Kieler Arbeiterschaft, durch die Bestimmung Kiels zum Reichskriegshafen von kräftigem Wachstum vor allem in der metallverarbeitenden und Schiffbauindustrie geprägt, konnte endlich ein eigenes Haus mit neuzeitlichen Zwecken entsprechenden Versammlungssälen, Büroräumen und Gastronomie beziehen. Vorbei war die Zeit, in der man sich in fremden Lokalen unter den kontrollierenden Augen der preußischen Polizei treffen musste, sich trotz der längst aufgehobenen Sozialistengesetze manchen Schikanen und Repressalien ausgesetzt sah. Diese Freiheit der Selbstbestimmung im eigenen Haus hat sich die Arbeiterschaft teuer erkauft. Es wurden Anteilsscheine im Wert von 5 Mark ausgegeben, aufgeteilt in Marken zu je 50 Pfg. Die Gewerkschaften erklärten sich bereit, Anteilsscheine zu erwerben, so etwa der Deutsche Metallarbeiterverband (DMV), der am 16. September 1902 folgendes beschloss: "Die heutige Mitgliederversammlung des Deutschen Metallarbeiterverbandes, Verwaltungsstelle Kiel und Umgebung, erklärt sich mit dem Vorschlag der Gewerkschaftshaus-Kommission einverstanden. Sie verspricht, die 5.000 Mark durch Anteilsscheine von 5 Mark aufzubringen. Die eventuelle Kündigung der einzelnen Anteilsscheine kann erst nach Verlauf von fünf Jahren erfolgen." Dies alles in einer Zeit, in der die Arbeiter zum Beispiel auf der Werft zwischen 28 und 40 Pfg. pro Stunde verdienten. 120.000 Mark kamen auf diese Weise zusammen. Die Gesellschaft Gewerkschaftsherberge m. b. H. wurde gegründet. Am 4. Oktober 1904 wurde der Grundstein gelegt und am 26. Juli 1907 das Gewerkschaftshaus eingeweiht. Ein neues Kapitel in der Geschichte der Kieler Arbeiterbewegung wurde aufgeschlagen.

Nach den Plänen des Architekten Carl Voss war ein moderner Bau entstanden, der allen Anforderungen an die damaligen Notwendigkeiten entsprach. Versammlungssäle, Büroräume und Raum für Geselligkei-ten waren großzügig angelegt und zweckmäßig verteilt. Auch an das äußere Erscheinungsbild hatten die Gewerkschaften gedacht. Es wurde ein Bau, der den Stolz und das gewachsene Selbstbewusstsein deut-lich erkennen ließ. In der räumlichen Nähe zum politischen und wirtschaftlichen Zentrum der Stadt gele-gen, entstand ein Gebäude in rotem Backstein, durch helle Putzflächen unterteilt, zum Teil mit Jugendstil-Ornamenten besetzt. Stilistisch - so Heide Fittschen in einer Bauanalyse - ist es "aus einem verpflichten-den eklektizistischen Stil herausgelöst. Viele bekannte Elemente sind spielerisch verwendet und nebenei-nander gestellt wie zum Beispiel Rundbögen gegen Stichbögen und gerade Stürze, verschiedenartige Gauben, Türme und Giebelformen". Selbst ein Balkon - wie ihn auch die Obrigkeit besaß - fehlte nicht. Ein stilgerecht und freundlich wirkendes Bauwerk, wie die VZ schrieb.

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Anteilsmarken zum Bau des Gewerk-
schaftshauses Kiel
DGB

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Grundsteinlegung am 04. Oktober 1904 DGB

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Anteilsschein DGB


Bald aber reichten die Versammlungs- und Büroräume nicht mehr aus. Nach den Plänen des Architekten Arnold Bruhn wurde ein Erweiterungsbau erstellt und im Juli 1926 bezogen. "Der Bau zählt zu den markantesten Beispielen des Backsteinexpressionismus und ist im Zusammenhang zu sehen mit dem ebenfalls von Bruhn entworfenen ehemaligen Druckereigebäude der Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung in der Muliusstraße (...) sowie mit dem Gebäude der Landwirtschaftskammer am Holstenplatz und dem Chilehaus von Fritz Höger in Hamburg" so Meike Nothdurft 1993. Die Kachelgestaltung des Treppenhauses zeugt noch heute von dem hohen Anspruch der Bauherren. Sie stammt von der KKK - Kieler Kunstkeramik AG, die an die traditionsreiche Kieler Fayencemanufaktur anknüpfte.

Düstere Wolken überschatteten das Gewerkschaftshaus, als es im Frühjahr 1933 die Nationalsozialisten besetzten und für ihre Zwecke, die gleichgeschalteten Gewerkschaften in der Deutschen Arbeitsfront (DAF), nutzten. Es wurde heruntergewirtschaftet, 1935 zwangsversteigert und von der Stadt Kiel erworben. Als das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte vorüber war, setzten die wiedererstehenden Gewerkschaften alles daran, in ihr Haus zurückzukehren. Das war ihnen zunächst nicht möglich; die britische Besatzungsmacht hatte es besetzt und nutzte es als "Empire House" für ihre Zwecke. Das ließ die Gewerkschaften nicht ruhen. Sie sammelten Geld, nutzten Finanzmittel aus der sogenannten Zonenrücklage einstmaligen Gewerkschaftsvermögens und gründeten Anfang 1947 die Gewerkschaftshaus Kiel GmbH. Nachdem die Engländer ausgezogen waren, konnte das Gebäude für 423.132 Reichsmark von der Stadt zurückerworben werden. Bis 1978 blieb es eine eigenständige GmbH und wird fortan durch die Vermögens- und Treuhandgesellschaft (VTG) des DGB betreut und verwaltet.

Nach einem Text von Karl-Heinz Köpke aus den Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte Band 79, Heft 6

Geschichte des Kieler Gewerkschaftshauses (Teil 2)

Geschichte des Kieler Gewerkschaftshauses (Teil 3)


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