Deutscher Gewerkschaftsbund

25.09.2014

Geschichte des Gewerkschaftshauses Kiel (Teil 3)

Ein Haus bekommt sein wirkliches Gesicht erst durch die Menschen, die hier ein- und ausgehen. Viele Tausende sind es in all den Jahren gewesen, die als Mitglieder; als Vertrauensleute und betriebliche Funktionäre, als Hauskassierer; "die Woche für Woche die Mitglieder zu Hause aufsuchten und den Ver-bandsbeitrag kassierten", oder als hauptamtliche, vom Vertrauen der Mitglieder getragene Funktionäre das Haus belebten. Es fand ein reges politisches Leben statt mit Konferenzen der SPD, der Arbeiterwohl-fahrt, des Verbandes der Zimmerer und verwandter Berufskollegen, des Verbandes der Landarbeiter; des Zentralverbandes der Arbeitsinvaliden und Witwen Deutschlands und des Gesamtverbandes des Öffent-lichen Dienstes des Transport-und Warenverkehrs, die in den 20er und 30er Jahren dort tagten. Die Ge-werkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft (GGLF) und die Deutsche Postgewerkschaft (DPG) hielten hier nach 1945 Gewerkschaftstage ab. Zu den Menschen, die dem Haus seine Prägung gaben, gehörten auch die Betriebs- und Personalräte. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis weit in die jün-gere Zeit hinein - und auch heute noch - trafen sich an jedem Freitagmorgen manchmal bis zu 60 bis 80 Vertreter aus Kieler Betrieben und Verwaltungen in der "Ständigen Konferenz Kieler Betriebs- und Perso-nalräte", um aktuelle Informationen zu erhalten und tagespolitische Fragen aus der Arbeitswelt zu erör-tern. Politiker nutzten dies gern, um die "Stimmung im Volke" zu erkunden.
 
Das Gewerkschaftshaus - auch ein geistig-kulturelles Zentrum: Die Einrichtung einer Zentralbibliothek schon in den ersten Jahren zeugt von dem Wissensdurst und der Bildungsbereitschaft der Kieler Arbei-terschaft. Die Chronik weist aus, dass die Bibliothek im Jahre 1913 über 11.000 Besucher zählte, die ins-gesamt über 115.000 Bücher ausliehen. Die große Bereitschaft zur Fortbildung unterstrichen auch Vor-tragszyklen, die vor dem Ersten Weltkrieg Abend für Abend über 300 Besucher anzogen. Themen wie "Einführung in das Gebiet der Politik" von Eduard Adler, "Deutsche Geschichte vom Ausgang des Mittel-alters bis zur Französischen Revolution" von Bernhard Rausch, "Geschichte des Entwicklungsgedankens in der Naturwissenschaft" von Engelbert Graf oder "Die Deutsche Dichtung im 19. Jahrhundert" von P. Alberty belegen das breite Interesse der Arbeiterschaft, sich mit naturwissenschaftlichen und geistigen Fragen der Zeit auseinanderzusetzen. Bemerkenswert sind auch Sinfoniekonzerte oder Konzerte der Arbeitergesangvereine, Aufführungen von Chorwerken, Bücher- und Bilderausstellungen, die zum Alltag des Lebens im Gewerkschaftshaus gehörten. Da nimmt es auch nicht Wunder; wenn der bedeutende deutsche Soziologe Ferdinand Tönnies zu den Freunden des Hauses zählte. Ein lebhaftes kulturelles Le-ben wies das Gewerkschaftshaus auch in den 20er Jahren auf. Ernst Busch, Schauspieler und Sänger der Arbeiterbewegung, gehörte wie viele andere Künstler zu den häufigen Besuchern und aktiv Beteilig-ten am gewerkschaftlichen Leben.

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Fassadenornament DGB

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Jubilarehrung im Legiensaal 2006 DGB

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Gesamtansicht des Altbaus DGB


Kultur- und Bildungsarbeit spielte auch nach dem Zweiten Weltkrieg eine Rolle, wenngleich ihre Bedeutung wohl kaum an diejenige der ersten Jahre heranreichte. Auch wandelte sich das Interesse, verlagerte sich auf berufliches Wissen, auf Refa-Lehrgänge und Lehrgänge des DGB-Berufsfortbildungswerks zur Beratung der Arbeitnehmer bei der besseren Durchsetzung ihrer Rechte in den Betrieben mit den Mitteln des Arbeits- und Betriebsverfassungsrechts. Dies geschieht durch qualifizierte Fachleute im Rechts-schutz und in der Technologieberatungsstelle. Bildungsfragen in der Prägung der früheren Jahre, angebo-ten von "Arbeit und Leben" traten in den Hintergrund. Und ein neues Bedürfnis entstand mit zunehmen-dem Wohlstand: die Lust am Reisen. Das Reise- und Freizeitwerk "Nach Feierabend", in den 60er und 70er Jahren ein ergänzendes Angebot in der Mitgliederbetreuung, erfreute sich großer Beliebtheit. Eine Einrichtung, die später im Auto Club Europa (ACE) aufging. Kulturelle Prägung erhielt das Gewerkschaftshaus auch durch zwei Ereignisse nach dem großen Brand im Jahre 1975: die Aufstellung einer heute noch im Hof befindlichen Metallplastik "Allumspannende Solidarität", entworfen und hergestellt vom DGB-Berufsfortbildungswerk, und die Herausgabe einer Grafik der Kieler Künstlerin Luise Wulf von der historischen Fassade des Kieler Gewerkschaftshauses. Vor allem die Grafik fand weit über den Kreis der Gewerkschaftsmitglieder in der Öffentlichkeit großes Interesse.

100 Jahre Kieler Gewerkschaftshaus erweisen sich in der Rückschau als ein lebendiges Spiegelbild der Geschichte organisierter Arbeitnehmerschaft im 20. Jahrhundert. Neben der Gewährleistung von Schutz und Hilfe, etwa durch das frühere Arbeitersekretariat oder in der heutigen Ausprägung eines modernen Rechtsschutzes standen und stehen weiter Einrichtungen eines Hilfswerkes, das in Not geratenen Mitgliedern seit Jahrzehnten und auch heute noch spontane materielle Hilfe gewährt, wenn sie auch dem jeweiligen Wandel der Zeit unterworfen und angepasst sind. Dabei spielt der Symbolcharakter des Hauses weiterhin eine wichtige Rolle im Kieler Gewerkschaftsleben. Es ist das Wissen um die politische Hei-mat, das vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Kiel nach wie vor Zusammenhalt gibt. Einigkeit und Gemeinsamkeit einer selbstbewussten Arbeitnehmerschaft sind unverändert das prägende Merkmal des Kieler Gewerkschaftshauses und ein gutes Fundament, um den Herausforderungen der kommenden Zeit wirksam begegnen zu können. 

Nach einem Text von Karl-Heinz Köpke aus den Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte Band 79, Heft 6

Geschichte des Kieler Gewerkschaftshauses (Teil 1)

Geschichte des Kieler Gewerkschaftshauses (Teil 2)


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