Deutscher Gewerkschaftsbund

21.04.2015

125 Jahre TAG DER ARBEIT

 
Ein Kurzbeitrag von Frank Hornschu, Vorsitzender der DGB Kiel Region

 

Mit der Industrialisierung im Norden der Welt nahm unvermindert auch die Interessenvertretung der Arbeiter/innen
zu. In den 1880er Jahren fanden in den Vereinigten Staaten von Amerika, im Wesentlichen durch die europäischen
Einwanderer, eine Bewegung hin zur Verkürzung der täglichen Arbeitszeit von zwölf auf acht Stunden statt. 1886
fand in Chicago auf dem Haymarket eine der ersten brutalen Niederschlagungen statt. Dennoch ließ sich die Bewegung
weltweit nicht aufhalten.
Am 14. Juli 1889, 100 Jahre nach der französischen Revolution, trafen sich über 400 Delegierte aus sozialistischen
Parteien und Gewerkschaften zu einem internationalen Kongress in Paris. Während dieses Kongresses fassten die
Delegierten unter anderem folgenden Beschluss: „ Es ist für einen bestimmten Zeitpunkt eine große internationale
Manifestation zu organisieren, und zwar dergestalt, dass gleichzeitig in allen Städten an einem bestimmten Tage
die Arbeiter an die öffentlichen Gewalten die Forderung richten, den Arbeitstag auf acht Stunden festzusetzen. …
In Anbetracht der Tatsache, dass eine solche Kundgebung bereits von dem amerikanischen Arbeiterbund für
den 1. Mai 1890 beschlossen worden ist, wird dieser Zeitpunkt als Tag der internationalen Kundgebung angenommen.“
Der Grund für diese Terminwahl lag daran, dass in den USA am 1. Mai, dem sogenannten „Moving Day“, unzählige
Arbeitsverträge neu geschlossen worden sind. Und in dieser Neuschließung der Arbeitsverträge sollte nun die Forderung
nach einem acht Stunden Arbeitstag festgeschrieben werden.
Im deutschen Kaiserreich war das Ansinnen, am 1. Mai 1890, es war ein Donnerstag, die Arbeit zur Durchsetzung
der Forderungen niederzulegen nicht unumstritten. Der „deutsche Michel“ mit seinem kühlen Temperament hatte
auch schon damals keine hohe Streikneigung. Zudem galt zum Tag der Arbeit 1890 noch das Sozialistengesetz
„gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“. Trotz alledem nahmen an diesem ersten
internationalen Tag der Arbeit über 100.000 Arbeiter/innen in Deutschland teil. Die Arbeitgeber reagierten mit
Aussperrung, Entlassungen und schwarzen Listen. Erreicht wurden das Koalitionsrecht, also das Recht sich in Gewerkschaften
zusammenschließen zu dürfen, und die Festlegung der täglichen Arbeitszeit auf neun Stunden.
1890 ist auch die Geburtsstunde des DGB - damals wurde die „Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands“
gegründet. Der erste Vorsitzende wurde Carl Legien. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges brach die
sozialistische Internationale auseinander. Nach dem Ende des Krieges knüpfte die Bewegung an ihren Zielen wieder
an. Der 1. Mai 1919 wurde gesetzlicher Feiertag. 1920 trat das Betriebsverfassungsgesetz in Kraft. Die Weimarer
Zeiten waren extrem unruhig. Und die Arbeitgeber meinten: „Auch in der Republik gilt der 1. Mai der Propaganda
des Umsturzes, der Beseitigung des Privateigentums und der Errichtung der proletarischen Diktatur. Gleichgültigkeit
gegenüber der Maifeier bedeutet Kapitulation vor dem Marxismus.“
Der „Schwarze Freitag“ im Oktober 1929 zog auch die deutsche Wirtschaft tief in den Abgrund. Knapp die Hälfte
der Gewerkschaftsmitglieder war arbeitssuchend. Die Grundlagen der parlamentarischen Demokratie waren 1930
bereits ausgehöhlt – an der parlamentarischen Mehrheit wurde vorbei regiert. In ihren internen Lageeinschätzungen
zu Beginn des NS-Regimes gingen die Gewerkschaften davon aus, dass nun ähnliches zu erwarten sei, wie
unter dem Sozialistengesetz. Eine fatale Fehleinschätzung. Schon im April 1933 notierte Goebbels: „Den 1. Mai
werden wir zu einer grandiosen Demonstration des deutschen Volkswillen gestalten. Am 2. Mai werden dann die
Gewerkschaftshäuser besetzt. Gleichschaltung auch auf diesem Gebiet. … Es wird ein paar Tage Krach geben,
aber dann gehören sie uns.“ Hitler erklärt den 1. Mai zum „Feiertag der nationalen Arbeit“. Unendlich viele Gewerkschafter/
innen wurden in der Folge verschleppt, verhaftet, gefoltert und in den Konzentrationslagern ermordet.
Nachdem die Nazis Europa in Schutt und Asche gelegt haben, die Menschen um das nackte Überleben kämpften,
hungerten und zwischen Trümmern hausten und die Alliierten den Kontinent befreit hatten kam die Arbeiter- und
Gewerkschaftsbewegung nur zögerlich in Gang. Im April 1946 bestätigte der alliierte Kontrollrat den 1. Mai als
Feiertag.
Seit 1949 zeichnet der DGB-Bundesvorstand in Abstimmung mit den Gewerkschaften für die jährlichen Maifeiern
verantwortlich. Nicht nur wirtschaftlich und politisch, auch gesellschaftlich standen die Signale auf Veränderung –
Zeit des Wirtschaftswunders, die ersten Krisen, die Massenarbeitslosigkeit, die Grenzen des Wachstums, die Sozialen-,
Frauen-, Friedens- und Ökologiebewegungen, die Deutschen Einheit …
In jüngster Vergangenheit haben die Themen zur Neuordnung der Arbeit hin zu Guter Arbeit, ein gutes Leben, gut in
Rente und ein sozialer und friedlicher Kontinent an Bedeutung zugenommen. In der fortgesetzten und immer weiter
umsichgreifenden Entwertung der für die Allgemeinheit so wichtigen und bedeutsamen Arbeit, die letztlich die Werte
ausmacht, wird dabei immer mehr die maßgebliche Verantwortung in dem entfesselten kapitalistischen System – insbesondere
durch die globalen Finanzmarktkrisen, der „marktkonformen Demokratie“ sowie der rasant wachsenden Kluft
zwischen Arm und Reich – gesehen und das Primat der Politik gefordert. Der extremen Zunahme rechter Gewalt und
Radikalismen kann nur erfolgreich begegnet werden, wenn konsequent eine Politik des sozialen Zusammenhalts und
der sozialen Gerechtigkeit verfolgt und tatsächlich realisiert wird.
Stets haben die freien Gewerkschaften über die Jahrzehnte hinweg vor unzähligen Herausforderungen gestanden und
die Interessenvertretung hat - letztlich durch die sie tragenden Gewerkschaftsmitglieder - zahlreiche soziale Errungenschaften
in der Arbeits- und Wirtschaftswelt verwirklichen können. Dies macht denn auch den Stolz und das Selbstbewusstsein
der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung aus. Sie war, ist und bleibt – insbesondere in diesen marktradikalen
Zeiten – für die Menschen, die Arbeitnehmer/innen unverzichtbar!

Test

Frank Hornschu DGB


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